Kolloquium "Kulturalität von Schuld, Scham und Verantwortung"
Third-party funded project
Project title Kolloquium "Kulturalität von Schuld, Scham und Verantwortung"
Principal Investigator(s) Seelmann, Kurt
Project Members Seelmann, Kurt
Organisation / Research unit Departement Rechtswissenschaften / Ordinariat Strafrecht und Rechtsphilosophie (Seelmann)
Project start 01.06.2009
Probable end 31.08.2009
Status Completed
Abstract

Individuelle Verantwortung ist zuletzt u.a. in der Debatte um die moderne Hirnforschung wieder in Zweifel gezogen worden, nachdem, insbesondere in der rechtlichen Diskussion, schon im frühen 20. Jahrhundert deterministische Positionen die Möglichkeit freier Entscheidung für den Menschen bestritten hatten. Die Botschaft vom "Tod des Subjekts" in der postmodernen französischen Philosophie äussert derlei Skepsis in noch grundsätzlicherer Weise. Auf der anderen Seite nimmt das Interesse an kollektiver Verantwortung zu. Unternehmen werden heute in den meisten modernen Rechtsordnungen für handlungsfähig, schuldfähig und sogar strafbar erklärt und auch in anderen Rechtsgebieten wie dem Völkerstrafrecht löst sich die klare Grenze zwischen individueller und kollektiver Zurechnung auf. Unsere traditionellen Gewissheiten über Schuld und Verantwortung sind offenbar in Bewegung geraten.

Damit aber geraten kulturhistorische und kulturvergleichende Forschungen zu diesem Begriffsfeld neuerdings immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. Am Beginn unserer eigenen literarischen Tradition, bei Homer und in den griechischen Tragödien insbesondere des Sophokles, werden Entscheidungs- und Handlungsmuster beschrieben, angesichts derer in der Literatur unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen, ob dort die Menschen einander individuelle Schuld und Verantwortung zurechnen oder doch eher vom antizipierten/idealisierten Blick der anderen, also durch Scham, angeleitet sind.

Aber nicht nur am Beginn der eigenen Kultur, sondern auch in der traditionellen ostasiatischen Kultur wird nach Auffassung vieler Autoren ein anderes Konzept von Scham, Schuld und Verantwortung vertreten als in der westlichen Moderne. Ostasien gilt in der europäischen Literatur mitunter als "Schamkultur" mit Elementen kollektiver Verantwortung. Andere Autoren melden hieran Zweifel an und betonen eher die Gemeinsamkeiten in den Konzepten.

All dies lässt nach dem Hintergrund der Konzeptionen der westlichen Moderne fragen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung darf man davon ausgehen, dass in der Christologie und der Trinitätslehre des 13. Jahrhunderts nach vielen Vorarbeiten zum ersten Mal eine mit einer bestimmten Emphase auf Freiheit bezogene Konzeption der Person und damit ein annähernd modernes Verständnis von Person, Schuld und Verantwortung entstanden ist, deren Wirkungsgeschichte die folgenden Jahrhunderte gekennzeichnet hat.

Vermutlich haben sowohl für den vertikalen (historischen) als auch für den horizontalen (aktuellen) Kulturvergleich in diesem Themenbereich Körperbilder eine grosse Relevanz. Beachtung finden sollten deshalb auch die Metaphern des Blicks und des verlorenen Gesichts im Fall der Scham, des Hörens auf die Stimme des Gewissens oder auf das Gesetz im Fall von Schuld und Verantwortung, aber auch die Fragmentierung bei Körperbezeichnungen und die Beschränkungen auf einzelne mentale Kräfte in frühgriechischen und ostasiatischen Traditionen.

Dass die mit dem Thema zusammenhängenden Fragen, auch wenn sie von grosser theoretischer Grundsätzlichkeit sind, gleichwohl auch eine besonders aktuelle Bedeutung haben, braucht angesichts der internationalen Debatte etwa über individuelle und kollektive Menschenrechte und über die Globalisierung von Werten und ethischen Standards nicht eigens betont zu werden.

Nach Vorarbeiten in zwei kleineren vorbereitenden Kolloquien in Basel (2006 und 2007) und einem Workshop in Salzburg ("Kulturalität und Subjekt. Analyse der Kulturabhängigkeit von Begriffen", 12./13. November 2008), die sämtlich der theoretischen Grundlegung der Kulturalitätsproblematik galten, konnte ein nunmehr einem konkreteren Themenbereich gewidmetes internationales Kolloquium am 29. und 30. Juni 2009 auf dem Landgut Castelen in Augst bei Basel die angesprochenen Fragen behandeln und damit die Gesamtthematik der Kulturabhängigkeit von Denkfiguren vertiefen.

Financed by Swiss National Science Foundation (SNSF)
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27/11/2022