Biosozialität unter Lebensgefahr. Die schweizerische Schwulenbewegung im Zeitalter von HIV/Aids (1980–2000)
Third-party funded project
Project title Biosozialität unter Lebensgefahr. Die schweizerische Schwulenbewegung im Zeitalter von HIV/Aids (1980–2000)
Principal Investigator(s) Zürcher, Daniel
Organisation / Research unit Departement Geschichte / Neuere Allgemeine Geschichte (Lengwiler)
Project Website https://bgsh.geschichte.unibas.ch/projekte/projekt-detail/?tx_bgshprojectsext_projects%5Bproject%5D=95&tx_bgshprojectsext_projects%5Baction%5D=show&tx_bgshprojectsext_projects%5Bcontroller%5D=Project&cHash=32aed3bc5600241e42a807d12ac03d29
Project start 01.07.2018
Probable end 30.06.2019
Status Completed
Abstract

Der Übergang vom Old Public Health zum New Public Health markiert einen fundamentalen Umbruch im öffentlichen Gesundheitswesendes ausgehenden 20. Jahrhunderts. Dieser Umbruch ist Teil einer umfassenden Transformation moderner Sozialstaatlichkeit zu stärkerökonomisierten, selbstregulierten Systemen, in denen den Subjekten eine erhöhte präventive Verantwortung zugewiesen wird. Dasgeplante Forschungsvorhaben geht am Beispiel der schweizerischen Schwulenbewegung im Kontext von HIV/Aids der Frage nach, wie sichdiese sozialstaatlichen Transformation auf die Neuen Sozialen Bewegungen ausgewirkt haben. Die noch kaum bekanntengesellschaftlichen Implikationen des New Public Health werden mittels akteurs- und subjektzentrierten Ansätzen untersucht. Dabei wirdinsbesondere das Konzept der „Biosozialität“ (Paul Rabinow) genutzt, um die biomedizinisch geprägten Vergesellschaftungs- undSubjektivierungsformen einer gay community nachzuzeichnen, die sich bis Ende der 1990er Jahre lebensbedrohlichen Risiken ausgesetztsah.

Das Fallbeispiel der Schwulenbewegung im Kontext von HIV/Aids ist deshalb relevant, weil sich auf diesem Feld Deutungen vonBetroffenen, medizinische Forschung und Gesundheitspolitik dynamisch entwickelten und verschränkten. Nach einer dramatischenAnfangsphase, in der mit einem exponentiellen Anstieg der Todesfälle gerechnet wurde und die Betroffenen vor allem Trauerarbeitleisteten, kamen Mitte der 1980er Jahre neuer präventive Strategien auf, was insbesondere zu einer verstärkten Zusammenarbeit vonsozialen Bewegungen und staatlichen Organisationen führte. Zur gleichen Zeit setzte sich die These einer viralen Ursache durch und essetzten umfangreiche Forschungstätigkeiten auf diesem Gebiet ein. Ende der 1990er Jahre schiesslich wurde aus der tödlichen Diagnosezunehmend eine chronische Krankheit, mit vielfältigen Auswirkungen auf den Alltag und das Selbstverständnis der Betroffenen. DasFallbeispiel eröffnet damit einen Blick auf die sozialen Auswirkungen von biomedizinischen Wissenspraktiken und undgesundheitspolitischen Ansätzen sowie auf die Mitwirkung der Betroffenen an diesen.

Das Forschungsprojekt ist auf drei Untersuchungsebenen angelegt: Untersucht werden erstens die neuen Organisationen,Netzwerke und Akteurskonstellationen der Schwulenbewegung, zweitens die Formen der Biosozialität und die politische Programmatik derBewegung sowie drittens die subjektiven Normen- und Wertesysteme der Betroffenen. Geografisch fokussiert das Projekt auf die nationaleEbene, mit exemplarischen regionalen Konkretisierungen (Zürich, Basel, Romandie).

Das Forschungsprojekt gliedert sich in zwei Teile. Im Modul A („Archivprojekt“, 6 Monate) wird im Rahmen eines Archivberichts eineBestandesübersicht jener Privatarchive erstellt, die für die Sozialgeschichte von HIV/Aids relevant und noch nicht in einem staatlichen oderöffentlich-rechtlichen Archiv deponiert sind. Das Modul B („Forschungsprojekt“, 18 Monate) beinhaltet die wissenschaftliche Auswertungder relevanten Archivbestände im Rahmen eines Promotionsprojekts. Methodisch stützt sich das Projekt auf die kritische Analyse vonTextquellen sowie auf die Auswertung mündlicher Quellen (Experten- und Oral History-Interviews). Die Textquellen werden deneinschlägigen Archiven der Schwulenbewegung und der Aids-Hilfen entnommen.

Financed by University of Basel
   

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10/08/2020