Biosozialität unter Lebensgefahr. Die schweizerische Schwulenbewegung im Zeitalter von HIV/Aids (1980–2000)
Third-party funded project
Project title Biosozialität unter Lebensgefahr. Die schweizerische Schwulenbewegung im Zeitalter von HIV/Aids (1980–2000)
Principal Investigator(s) Lengwiler, Martin
Co-Investigator(s) Bänziger, Peter-Paul
Project Members Zürcher, Daniel
Organisation / Research unit Departement Geschichte / Neuere Allgemeine Geschichte (Lengwiler)
Project start 01.01.2015
Probable end 31.12.2016
Status Completed
Abstract

Der Übergang vom Old Public Health zum New Public Health markiert einen fundamentalen Umbruch im öffentlichen Gesundheitswesen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Dieser Um­bruch ist Teil einer um­fassenden Transformation moderner Sozialstaatlichkeit zu stärker ökonomisierten, selbstregu­lier­ten Systemen, in denen den Subjekten eine erhöhte präventive Verantwortung zugewiesen wird. Das geplante Forschungsvorhaben geht am Beispiel der schweizerischen Schwulenbewegung im Kontext von HIV/Aids der Frage nach, wie sich diese sozialstaatlichen Transformation auf die Neuen Sozialen Bewegungen ausgewirkt haben. Die noch kaum bekannten gesellschaftlichen Implikationen des New Public Health werden mittels akteurs- und subjektzentrierten Ansätzen untersucht. Dabei wird insbe­sondere das Konzept der „Biosozialität“ (Paul Rabinow) genutzt, um die biomedizinisch geprägten Vergesellschaf­tungs- und Sub­jektivierungsformen einer gay community nachzuzeichnen, die sich bis Ende der 1990er Jahre lebensbedrohlichen Risiken ausgesetzt sah.

Das Fallbeispiel der Schwulenbewegung im Kontext von HIV/Aids ist deshalb relevant, weil sich auf diesem Feld Deutungen von Betroffenen, medizinische Forschung und Gesundheitspolitik dyna­misch entwickelten und verschränkten. Nach einer dramatischen Anfangsphase, in der mit einem ex­po­nentiellen Anstieg der Todesfälle gerechnet wurde und die Betroffenen vor allem Trauerarbeit lei­steten, kamen Mitte der 1980er Jahre neuer präventive Strategien auf, was insbesondere zu einer ver­stärkten Zusammenarbeit von sozialen Bewegungen und staatlichen Organisationen führte. Zur glei­chen Zeit setzte sich die These einer viralen Ursache durch und es setzten umfangreiche For­schungs­tätigkeiten auf diesem Gebiet ein. Ende der 1990er Jahre schiesslich wurde aus der tödlichen Diagnose zuneh­mend eine chronische Krankheit, mit vielfältigen Auswirkungen auf den Alltag und das Selbst­ver­ständnis der Betroffenen. Das Fallbeispiel eröffnet damit einen Blick auf die sozialen Auswir­kun­gen von biomedizinischen Wissensprak­tiken und und gesundheitspolitischen Ansätzen sowie auf die Mitwirkung der Betroffenen an diesen.

Das Forschungsprojekt ist auf drei Untersuchungsebenen angelegt: Untersucht werden erstens die neuen Organisationen, Netzwerke und Akteurskonstellationen der Schwulenbe­we­gung, zweitens die Formen der Biosozialität und die politische Programmatik der Bewe­gung sowie drittens die sub­jek­tiven Normen- und Wertesysteme der Betroffenen. Geografisch fokussiert das Projekt auf die na­tio­nale Ebene, mit exemplarischen regionalen Konkretisie­run­gen (Zürich, Basel, Romandie).

Das Forschungsprojekt gliedert sich in zwei Teile. Im Modul A („Archivprojekt“, 6 Mona­te) wird im Rahmen eines Archivberichts eine Bestandesübersicht jener Privatarchive erstellt, die für die Sozial­ges­chichte von HIV/Aids relevant und noch nicht in einem staatli­chen oder öffentlich-rechtli­chen Archiv depo­niert sind. Das Modul B („Forschungspro­jekt“, 18 Monate) beinhaltet die wis­senschaftliche Auswer­tung der relevanten Archivbestände im Rahmen eines Promotionsprojekts. Methodisch stützt sich das Projekt auf die kritische Analyse von Textquellen sowie auf die Auswertung mündli­cher Quel­len (Ex­perten- und Oral History-Interviews). Die Textquellen wer­den den einschlägigen Ar­chi­ven der Schwulenbewe­gung und der Aids-Hilfen entnommen.

Der beantragte Unterstützungsbeitrag beläuft sich auf CHF 96'580.-, wobei CHF 24'020.- auf Modul A (Archivprojekt) und 72'560 CHF auf Modul B (Forschungsprojekt) entfallen. Bei Bedarf können die Module auch gesondert voneinander bewilligt werden.

Financed by Foundations and Associations
   

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21/01/2018