Thauma(u)topoiesis. Das Wunderbare und die narrative Refiguration im Roman (Wieland, Tieck, Goethe)
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Project title Thauma(u)topoiesis. Das Wunderbare und die narrative Refiguration im Roman (Wieland, Tieck, Goethe)
Principal Investigator(s) Gess, Nicola
Project Members Huff, Micha
Organisation / Research unit Departement Sprach- und Literaturwissenschaften / Neuere deutsche Literaturwissenschaft (Gess)
Project start 01.01.2014
Probable end 31.12.2022
Status Active
Abstract

Unter Heranziehung von Paul Ricœurs Hermeneutik der ‚narrativen Identität‘ wird der Roman des 18. Jahrhunderts als kulturpoetischer Probierstein eines historisch neuartigen und sich vor dem Hintergrund des Epochenbruchs der Neuzeit auf verschärfte Weise stellenden Anspruchs an Individualität verstanden werden. Als fiktionaler Erfahrungsraum narrativer Identitätsbildung vermag der Roman – so die theoretische Prämisse – einzig in Erscheinung treten, insofern ‚diskordante‘ Momente Dynamiken narrativer Refigurationen in Gang setzen, die die Romanform ihrerseits zum Medium eines genuin narrativen Sinnverstehens und einer ethischen Selbst-Auslegung werden lassen. Während der poetologische Diskurs über die Gattung Roman im 18. Jahrhundert das Wunderbare vermittels verschiedener Argumentationslinien als negativen Grenzwert der sich neu konstituierenden Gattung heranzieht, bildet es in den untersuchten Romanen Wielands, Tiecks und Goethes die unverzichtbare Quelle narrativer Diskordanzen: Die kausale Ereignisverkettung wird erst dadurch zur eigentlichen Darstellung von ‚Handlung‘, indem die latenten Sinnpotentiale des Wunderbaren den analytischen Rahmen der Erzählung überschreiten.

Anhand von in den Roman eingeschalteten ‚thaumaturgischen Erzählungen‘ wird die Inszenierung von derart – in Bezug auf die poetologischen Maximen des extradiegetischen Rahmens – ‚transgressiven‘ Erzählakten untersucht. Durch die applikative Auslegung der thaumaturgischen Erzählungen auf der Ebene der Romanhandlung wird diese verwunderungsvollen Refigurationen unterzogen und damit zum Modell einer narrativen Aneignung von Welt sowie von sinnträchtigen Handlungsvarianten in ihr. Auf diese Weise führen die behandelten Romane vor, wie sich der mehr und mehr humanwissenschaftlich fixierte ‚Charakter‘ unter Zuhilfenahme des Wunderbaren überhaupt erst auf eine ‚Figur‘ hin zu entwerfen vermag, die den Sinn der Erzählung zugleich verbürgt und riskiert. In ihrer Bedeutsamkeit und ihren Implikationen für Prozesse narrativer Autopoiesis des Selbst und für eine narrative Ethik der Selbst-Auslegung im Rahmen des Romans sind die Semantiken und das konzeptuelle Wissen, das das 18. Jahrhundert über das Wunderbare ausgebildet hat, bisher nicht erschlossen worden.

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02/12/2022