Die postromantische Konfiguration des Gewöhnlichen
Third-party funded project
Project title Die postromantische Konfiguration des Gewöhnlichen
Principal Investigator(s) Honold, Alexander
Organisation / Research unit Departement Sprach- und Literaturwissenschaften / Deutsche Literaturwissenschaft (Honold)
Project start 01.04.2014
Probable end 31.03.2017
Status Completed
Abstract

Das Projekt zur „postromantischen Konfiguration des Gewöhnlichen“ fragt nach dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung ästhetischer Gewöhnlichkeits-Konzepte und modernistischen Schreibweisen im 19. Jahrhundert und deren Wirkung im 20. Jahrhundert und der Gegenwart. Die literaturgeschichtliche Prämisse stellt die Begriffsgenese in der Romantik dar, welche Prozesse der Standardisierung und Normalisierung unter dem Begriff des „Gewöhnlichen“ subsumieren und somit dieses „Gewöhnliche“ in der ästhetischen Konfiguration gleichermassen postulieren wie kritisieren. Der Ausgangspunkt der Analyse der Primärtexte ist die Umwertung des „Gewöhnlichen“ vom ästhetischen (polemisch-schematischen) „Gegen-Begriff“ in der Romantik zum poetologischen Reflexionsbegriff in hoch- und nachromantischen Literaturen.

Den Untersuchungsgegenstand bilden vier Prosatexte aus dem 19. Jahrhundert, welche an der Figur des Sonderlings das Verhältnis von individueller und gesellschaftlicher Gewohnheit verhandeln, die unter den Vorzeichen des postromantischen Diskurses um den Komplex gewöhnlich/gewohnt zur poetologischen Reflexionsfigur avanciert. Hier knüpft die Arbeit an aktuelle subjekttheoretische und kulturwissenschaftliche Debatten zur Unhintergehbarkeit von „zweiter Natur“ an und eruiert, wie weit gerade der Sonderlingstypus als Reflexionsfigur dieser Problematik taugt. Dabei schliesst das Projekt an phänomenologische Überlegungen zur Erfahrung der Evidenz von Stimmungen des Gewöhnlichen und der diesem Komplex inhärenten Aporie der Unterscheidbarkeit von „Eigenem“ und „Fremdem“ an.

Im Zentrum steht dabei immer die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Verhältnis der diegetischen Ebene – der Auswahl von Umständen und Gegebenheiten, die als gewöhnlich profiliert werden, sowie die jeweilige Figurenkonzeption, welche Gewohnheitsmechanismen exponiert – und der poetologischen Strategie, mit welcher der entsprechende Text das „Gewöhnliche“ konturiert. Phänomenologische Überlegungen zu Evidenz von Stimmungen des Gewöhnlichen und zum Aufbau der „Lebenswelt“ werden hierzu mit narratologischen Theoremen zur Darstellung von Räumen des Gewöhnlichen in der durch die Literatur erzeugten Spannung von „Fiktion“ und „Imagination“ mit dem Ziel verbunden, die postromantische Konfiguration des Gewöhnlichen auf ihre Wirkungskraft für dezidiert modernistische Prosa über die Schwelle zum 20. Jahrhundert hinaus zu prüfen.

In der Frage nach der Relevanz der Gewohnheits- und Gewöhnlichkeitstypologie des 19. Jahrhunderts für modernistische Prosa ab der Jahrhundertwende stehen sich zwei Hypothesen gegenüber: Walter Benjamins Überlegungen gemäss haben sich die Gewohnheitstopoi der „Wohnsucht“ des 19. Jahrhunderts mit der Abkehr vom Gewohnten und der stärkeren Gewichtung immer flexiblerer Gewöhnungsdynamiken erledigt. Dem steht epochal verschoben die These Richard Sennetts gegenüber, wonach bereits die Gewohnheitsphantasmen des 19. Jahrhunderts eine Reaktion auf die zunehmende Flexibilisierung des Menschen in der Moderne darstellen. Folgt man letzterer Auffassung, so erschöpft sich die poetologische Reflexionskraft in der Regressionsmotivik der Gewohnheits-Figuren des 19. Jahrhunderts nicht, sondern weist vielmehr auf eine subkutane Kontinuität, in welchen diese Poetiken um den Komplex Gewöhnlichkeit/Gewohnheit des 19. Jahrhunderts zu solchen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart stehen, was schlaglichthafte Vorausblicke auf modernistische Prosatexte etwa von Robert Walser und Thomas Bernhard exemplifizieren.

 

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20/04/2018