Der Homunculus Oeconomicus bei der Arbeit. Produktivität und Männlichkeit in den frühen Erzähltexten Thomas Manns
Third-party funded project
Project title Der Homunculus Oeconomicus bei der Arbeit. Produktivität und Männlichkeit in den frühen Erzähltexten Thomas Manns
Principal Investigator(s) Honold, Alexander
Project Members Totzke, Ariane
Organisation / Research unit Departement Sprach- und Literaturwissenschaften / Deutsche Literaturwissenschaft (Honold)
Project start 01.10.2013
Probable end 30.09.2016
Status Completed
Abstract

Der Begriff des Homo oeconomicus hat eine vielschichtige historische, sozial- und wirt­schaftswissenschaftliche Entwicklung durchlaufen. Während einschlägige Autoren um 1900 den ‚Wirtschaftsmenschen’ als Idealtypus des nutzenmaximierenden Subjekts imaginieren, das stets auf den eigenen ökonomischen Vorteil bedacht, jede Handlung – einer Rechen­maschine gleich – mit ‚wirtschaftlichem Verstande’ abmisst, beschreibt das Modell in den neueren Wirtschaftswissenschaften weniger eine Metapher menschlichen Individualverhaltens als vielmehr ein heuristisches Erklärungskonzept für makroökonomische Phänomene. In dem literarische Pendant eines ‚Wirtschaftsmenschen’ – als idealtypischer Terminus Technicus – scheinen sich die Semantiken des Produktivitäts­diskurses um 1900 zu verdichten. Der Homo oeconomicus soll in diesem Sinne als Analysefolie für die Mannschen Erzähltexte dienen: Wie reagiert die Literatur auf diesen Diskurs? Werden die Kontexte durch die Erzählstruktur, die Konzeption literarischer Räume oder durch die Figurenbeschreibungen ironisch gebrochen? Hans Castorp, Christian Buddenbrook, Felix Krull und Siegmund Aarenhold sind Beispiele aus Thomas Manns Figuren­arsenal, die an den zeitgenössischen Produktivitätsdiskursen scheitern. Jene ‚Faul­pelze‘, ‚Tunichtgute‘ und ‚Betrüger‘ geben sich einem ‚demonstrativen Müßiggang’ hin, an­statt produktive Arbeit im Sinne der Wirt­schaft zu leisten. Gleichermaßen wider­sprechen sie zeitgenössischen Genderzuschreibungen, was auf eine diskursive Verschränkung von Arbeit und Männlichkeit hindeutet. Ferner werden, im Gegensatz zu eben jenen ‚Homunculi‘, wirt­schaftlich erfolgreiche ‚Potenz-Figuren‘ entworfen, die einerseits die an sie gestellten ökono­mischen Anforderungen erfüllen, andererseits aber ebenfalls defizitäre Merkmale aufweisen. So werden mit ihnen u.a. antisemitische Stereotype verbunden, die dem um 1900 entworfenen Typus des erfolgreichen ‚jüdischen Parvenüs‘ entsprechen. In diesem Zusammenhang wird ein besonderes Augenmerk auf die von Werner Sombart propagierte ‚semitische Gärungstheorie‘ sowie auf seine Ausführungen zum ‚kapitalistischen Unternehmer‘ gerichtet. Die Dissertation wird – einem diskursanalytischen Verfahren folgend – die Mannschen Erzähl­texte auf die ästhetische Konzeption von Produktivität und Gender hin befragen sowie ver­schiedene Produktivitätsdiskurse einschlägiger Autoren um 1900 aufgreifen und historisch kontextualisieren. Der Diskurskomplex Produktivität/ Effektivität/ Arbeit entfaltet bis heute eine spezifische gesellschaftsformende Dynamik, so dass es nicht zuletzt vor dem Hinter­grund der aktuellen ökonomischen Krise lohnend erscheint, ihn unter einer historischen Perspektive näher zu beleuchten.

Financed by Swiss National Science Foundation (SNSF)
   

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15/12/2018